Lesen und Verlegen bleiben politisch: Das steht im Herbst an
Liebe Leute, herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe unseres Offenen Briefes. Diesmal geht es darum, was unter engagierten Büchermenschen gerade heiß diskutiert wird, aktuelle Aktionen und natürlich die Frankfurter Buchmesse.
Politische Angriffe von rechts auf die Buchbranche
Die Vielfalt der Buchbranche, unverzichtbar für unsere Demokratie, ist zunehmend von rechts unter Beschuss. Exemplarisch ist der Skandal um den Deutschen Buchhandlungspreis im Februar/März 2026, als Kulturstaatsminister Weimer nachträglich drei Preisträger*innen wegen diffuser angeblicher „Erkenntnisse“ des Verfassungsschutzes absägte ↗ und ihnen linken Extremismus unterstellte. Die Buchbranche, entsetzt und empört über diesen Handstreich reaktionärer Politik, rückte spontan solidarisch enger zusammen. Doch die Diffamierungen gingen weiter: Ende April wurde bekannt, dass die Buchhandlung im Schanzenviertel ↗ in Hamburg „keine weiteren Bundesmittel erhalten“ wird, so die eilfertige Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der AfD. Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda kritisierte das scharf – welche Buchhandlungen Fördermittel bekämen, sei Aufgabe unabhängiger Jurys und solle auch so bleiben.
Gefahr der Einflussnahme
Aber wie souverän und unabhängig können Jurys angesichts solcher Vorfälle im Literaturbetrieb noch agieren? Im Juli, als der Deutsche Verlagspreis ausgeschrieben wurde, wuchs die Besorgnis in der Branche erneut: Eine Agenturmeldung vermeldete, Weimer ändere das Verfahren, er entscheide selbst, wer Preise kriege – und vor allem, wer nicht. Tatsächlich hat das Ministerium immer ein Vetorecht gehabt. Nur hätte keine von Weimers Vorgängerinnen (Monika Grütters als Erfinderin der Preise und Nachfolgerin Claudia Roth) die Juryarbeit jemals so torpediert. Laut Recherchen der Süddeutschen ↗ ist Weimers Agieren „getrieben von der AfD“.
Zwei Netzwerke der Buchbranche, der Börsenverein des deutschen Buchhandels und die Kurt-Wolff-Stiftung, haben sich daraufhin bemüht, ein Beratungsgremium ↗ zu bilden, falls Minister und Jury uneins sind. Das soll Verfassungsschutz-Anfragen unwahrscheinlicher machen, weil „das Haber-Verfahren bei Kulturförderung und Kulturpreisen nichts zu suchen hat und es Maßnahmen bedarf, um den Einsatz solcher Verfahren zu verhindern“. Allerdings besteht die Gefahr, dass sich so ein Gremium zum Steigbügelhalter für politische Einflussnahme in Juryarbeit machen lässt, wenn ein offener Konflikt vermieden werden soll. Es ist zentral, dass Kulturbetrieb und Buchbranche sich auch zukünftig gemeinsam gegen solche Einflussnahmen scharf zur Wehr setzen.
Respekt geht anders
Fünf Mitglieder der siebenköpfigen neuen Verlagspreis-Jury ließen sich vorab von der Behörde eine schriftliche Klarstellung ausstellen, um sicherzustellen, dass das Ministerium die Jury-Resultate nur formal bestätigt und die Preisgelder auszahlt. Hingegen äußerte sich der (von Weimer bestimmte) Vorsitzende der Jury Jörg Thadeusz im Spiegelinterview ↗ schockierend respektlos über die Branchenkritik und -solidarität („Leute fühlen sich auf den Schlips getreten, weil Wolfram Weimer irgendwelchen Zausel-Buchhandlungen kein Geld zubilligt“). Sein abfälliges Statement spricht Bände und stärkt rechte Diskurse.
Rechtsextremen und AfD-nahen Medien ist die von Monika Grütters installierte Förderung unabhängiger Buchhandlungen und Verlage ein Dorn im Auge, sie hetzen seit Jahren bei jeder Gelegenheit dagegen. Erschreckend ist, wie sich jetzt auch Liberale und Konservative zunehmend vor diesen Karren spannen lassen. Darin sehen wir eine tiefgreifende Bedrohung für unsere Demokratie, die herrschaftskritische politische Bildung dringend braucht. Es ist ein kaum verhohlener, massiver Angriff auf eine vielfältige tolerante Zivilgesellschaft.
Die im Frühjahr von Weimer attackierten Buchläden, alle drei bekannt für ihr gesellschaftliches Engagement, wehren sich ↗ auf dem Rechtsweg unter anderem gegen den Einsatz des Haber-Verfahrens (Links zum Gegenrechtsschutz und Musteranträge ↗, wenn man fürchtet, geheimdienstlich durchleuchtet worden zu sein, gibt’s auf Frag-den-Staat.de). Dabei brauchen sie weiterhin die Aufmerksamkeit und Solidarität aus der Buchbranche. Laut Bundestags-Gutachten vom 8.8.26 ist das von Weimer angewandte Verfahren verfassungswidrig ↗.
Verlage gegen Rechts – was läuft dieses Jahr noch?
Unser Aktionsbündnis Verlage gegen Rechts gründete sich 2016, als rechte Verlage anfingen, ihre menschenverachtenden Inhalte auf die Buchmessen zu tragen. Seitdem stemmen wir uns energisch gegen Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit, Antifeminismus und Ableismus in der Buchbranche – und werden immer mehr Engagierte. Wir überlassen den Rechten nicht die Themen und die Diskursführung, wir setzen dagegen mit unterschiedlichen Veranstaltungen und hochinteressanten Diskussionspanels voller engagierter, kenntnisreicher Menschen, mit kreativem Material wie Stickern, Postern, Lesezeichen, mit zugkräftigen Open Calls wie „Plakate gegen Rechts“ und „Wütende Bücher“, mit umfassender Solidarität und nicht nachlassender Aufklärung im Literaturbetrieb.
Zehn Jahre nach der Gründung des Aktionsbündnisses steht nun nach dem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt eine extrem rechte Partei erstmals vor der Option der Regierungsbildung in einem Bundesland. Nach den Entwicklungen der letzten Monate und Jahre ist das nicht überraschend, gleichwohl erschreckend und sehr gefährlich. Umso wichtiger ist es, weiter die progressiven Kräfte zu bündeln und zu Papier und zu Gehör zu bringen, sich wechselseitig zu unterstützen, auf die Straße zu gehen, zivilen Ungehorsam zu leisten und von rechts angegriffene Menschen nicht im Stich zu lassen. Wir bleiben stabil und kämpferisch gegen den Faschismus in alten und neuen Gewändern!
Extrem rechtes Verlegen aufdecken: Ein kleiner Kompass
Gewaltverherrlichende und geschichtsrevisionistische Bücher in Umlauf zu bringen, gehört zu den Strategien der extremen Rechten. Mittels zahlreicher Publikationen werden gezielt rechtsextreme Positionen, Begriffe und Narrative normalisiert. Wer gewappnet sein will, muss sich ein Stück weit mit rechter Ideologie auseinandersetzen: Wo verlaufen die Grenzen zwischen extrem rechts und irgendwie rechts? Wie kommt man rechten Strategien auf die Schliche, auch wenn sie sich harmlos gebärden? An was für Diskursen und an welchen Symboliken lassen sich extrem rechte Narrative erkennen?
Vor allem viele Buchhändlerinnen haben uns immer wieder um nützliche Tools gebeten, die beim Identifizieren extrem rechter Verlage, Verfasserinnen und Bücher eine Hilfe sind. Dieses Jahr haben wir deswegen eine Broschüre veröffentlicht. Der Kompass „Rechtes Verlegen aufdecken“ liefert keine simple „schwarze Liste“ mit erwiesenermaßen extrem rechten Verlagen, sondern hilft beim Sondieren, Hinterfragen und Orientieren.
Wir bringen diesen Kompass im Umlauf, um den Blick zu schärfen für extrem rechte Vorhaben, Veröffentlichungen und Verlage, damit selbstbestimmt Grenzen gezogen werden können. Der Kompass ist kein pauschaler Boykottaufruf, vielmehr eine Unterstützung beim eigenständigen Einordnen extrem rechter Strategien, Diskurse und Publikationen.
Den zugänglich geschriebenen Kompass „Rechtes Verlegen aufdecken“ findet ihr online hier ↗, aber es gibt ihn auch als gedruckte Broschüre. Die ist handlich und schön gelayoutet von VgR-Grafiker*innen unter Verwendung einiger Motive aus dem Open Call „Wütende Bücher“. Die Broschüre „Rechtes Verlegen aufdecken“ liegt in vielen guten Buchhandlungen aus sowie auf den Buchmessen, bei engagierten Verlagen und an solidarischen Orten, Cafés usw. Und natürlich könnt ihr sie auch (gern gegen Spende) bei uns bestellen.
Verlage gegen Rechts auf der Frankfurter Buchmesse 2026
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Panel: „Freiheit mit Haltung: Demokratischer Diskurs und antifaschistische Leitplanken“.
Podiumsdiskussion über demokratische Debattenkultur, antifaschistische Verantwortung und historische Mahnung:
Welche Verantwortung haben kulturelle Institutionen, Bildungsträger und Gesellschaft, um sicherzustellen, dass
Meinungsfreiheit nicht zur Waffe gegen die Demokratie wird? Mit Helga Frese-Resch (Verlegerin KiWi und Sprecherin
der IG Meinungsfreiheit im Börsenverein des deutschen Buchhandels), Heike Kleffner (Journalistin, Autorin,
Geschäftsführerin des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt),
Jan Schenck (Verbrannte Orte e.V. Gedenkprojekt zu den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen). -
VgR-Mitglieder auf der Frankfurter Buchmesse 2026:
Unser Programm, den Kompass, die letzten Plakatzeitungen und mehr Materialien findet ihr auch an den Verlagsständen
der beteiligten Verlage und Verbündeten, zum Beispiel hier:Ankerwechsel Verlag: Halle 3.0, Stand C91
mairisch Verlag: Halle 3.0, Stand C89
Verbrannte Orte: Halle 3.0, Stand B98
Querverlag: Halle 3.0, Stand B103
Wagenbach Verlag: Halle 3.0, Stand C110
Stiftung Buchkunst: Halle 3.0, Stand J126/129
pinguletta Verlag: Halle 3.0, Stand B54
Reprodukt: Halle 3.0, Stand C54
Karl Rauch Verlag: Halle 3.0, Stand B73
Maro Verlag: Halle 3.0, Stand C70
Edition Nautilus: Halle 3.0, Stand C68
Orlanda Verlag: Halle 3.0, Stand C66
Unrast Verlag: Halle 3.0, Stand C62
MÄRZ Verlag: Halle 3.0, Stand C55
BücherFrauen: Halle 3.0, Stand C72
Verbrecher Verlag: Halle 3.0, Stand C47
Büchner-Verlag bei der Kurt Wolff Stiftung (Halle 3.1, A105) und am Hessischen Gemeinschaftsstand (Halle 3.1, D99)
Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi): Halle 5.0, Stand C35
u.v.m.
Schickt uns Fotos!
Eine herzliche Bitte an alle, die nach Frankfurt kommen: Wenn ihr Fotos von unserem Panel, den Aktionen oder Materialien macht, freuen wir uns sehr, wenn ihr sie mit uns teilt. So können wir sie auch über unsere Kanäle veröffentlichen. Schickt eure Bilder – gern mit Copyrightangabe – an: presse@verlagegegenrechts.de Vielen Dank!
Laut lesen – unser digitaler Büchertisch hat noch Platz für eure Tipps
Wir bekommen und verfassen vielfältige Tipps für unseren digitalen Büchertisch, aber da geht noch mehr! Bücher gegen Rechts, gegen Diskriminierung jeder Art, ermächtigende Lektüre, kluge Romane und Erzählungen, Bücher für politische Bildung, Herstory und alternative Geschichtsschreibung, Bücher für Demokratie und Gerechtigkeit … Wenn ihr selbst Empfehlungen habt, schickt sie uns gerne mit ein paar persönlichen Worten und einer kurzen Zusammenfassung an buechertisch@verlagegegenrechts.de. Es müssen nicht zwingend Sachbücher sein, gerne auch Krimis, Romane, Lyrik oder Graphic Novels, die gegen Rechts anerzählen und – wichtig! – aus unabhängigen Verlagen stammen.
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Zu guter Letzt:
Danke für eure Unterstützung, eure Zeit und eure Stimmen. Bis ganz bald in Frankfurt – wir halten euch auf dem Laufenden!
Ihr wollt unsere Arbeit unterstützen? Dann tragt euch auf unserer Website als Unterstützer*innen ein.
Und falls ihr uns (wieso auch immer) noch nicht auf Instagram folgt, dann könnt ihr das hier ↗ nachholen.
Ganz herzliche Grüße und bis bald,
Verlage gegen Rechts