Rote Karte für Wolfram Weimer
Unser Statement zu den Vorgängen um den Buchhandlungspreis 2025. (Stand 11. März 2026)
Was ist passiert? Der vor 11 Jahren von Monika Grütters und dem Bundesministerium für Kultur und Medien (BKM) eingerichtete Buchhandlungspreis soll das kulturelle und gesellschaftliche Engagement unabhängiger Buchläden auszeichnen und fördern. Die Auswahl trifft eine branchenkundige Jury. Anfang Februar war die Liste für 2025 fertig: 118 Buchläden sollten ausgezeichnet werden. Kulturstaatsminister Weimer schloss jetzt nachträglich 3 Preisträger*innen aus mit der unüberprüfbaren Begründung, gegen sie lägen (nicht benannte) „Erkenntnisse“ seitens des Verfassungsschutzes vor.
Die Buchbranche ist entsetzt und empört, das Manöver vermutlich rechtswidrig, das ganze Prozedere unwürdig und destruktiv.
Und dann auch noch feige: Am 19. März sollte der Deutsche Buchhandlungspreis im Rahmen der Leipziger Buchmesse verliehen werden. Das BKM hat am 10. März kurzfristig die gesamte Preisverleihung abgesagt, begründet mit der aufgeheizten Debatte.
Inzwischen ist zudem ans Licht gekommen, dass zwei der drei ausgeschlossenen Buchhandlungen von der Jury sogar als „besonders herausragende Buchhandlungen“ eingestuft wurden. Und alle drei Buchläden bekamen von der Behörde eine Absage mit der unwahren Behauptung, sie seien von der Jury gar nicht ausgewählt worden!
Neben zahllosen Unterstützungsangeboten aus Politik, Gesellschaft und insbesondere der Buchbranche läuft online unter lesen-hilft.org ↗ eine Sammelaktion zur finanziellen Unterstützung einer Klage, denn die 3 Buchläden werden den Vorgang vor Gericht anfechten. Dort heißt es: „Diese Kampagne ist mehr als eine finanzielle Unterstützung. Sie ist ein Zeichen dafür, dass unabhängige Buchkultur wichtig ist.“
Mit dem Buchhandlungspreis soll ein besonderes buchhändlerisches Engagement für eine vielfältige Buch- und Literaturlandschaft gewürdigt werden. Denn wir brauchen eine Kultur des Respekts, der Vielfalt und Solidarität, um die Herausforderungen unserer Zeit zu stemmen.
Verlage gegen Rechts solidarisiert sich mit den ausgezeichneten Buchläden Golden Shop, Rote Straße und Schwankende Weltkugel!
Hier kurze Auszüge aus den zahlreichen Stellungnahmen in unserer Branche:
„Für uns alle unfassbar strich Kulturstaatsminister Weimer 3 Buchhandlungen aus der Liste der Nominierten. Sie zeichnen sich durch ein Sortiment aus, das Themen wie Antikapitalismus, Feminismus und antikoloniales Denken umfasst. Wir protestieren entschieden gegen diese Streichung und erklären hiermit deutlich unsere Solidarität mit den ausgeschlossenen Buchhandlungen.“ — Statement im Namen der 118 zum Deutschen Buchhandlungspreis nominierten Buchhandlungen
„Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Landesverband Berlin-Brandenburg e.V. stellt sich entschieden gegen das Vorgehen des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer, drei Buchhandlungen von der Preisliste des Deutschen Buchhandlungspreises 2025 zu streichen, und fordert, die Buchhandlungen Zur schwankenden Weltkugel (Berlin), The Golden Shop (Bremen) und Rote Straße (Göttingen) wie von der Jury vorgesehen auszuzeichnen. (…) Wir zeigen Gesinnungsschnüffelei die Rote Karte und fordern den Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien auf, seiner Aufgabe als Förderer der Kultur gerecht zu werden und nicht als Kulturkämpfer zu agieren.“ — Börsenverein des Deutschen Buchhandels Landesverband Berlin-Brandenburg e.V.
„Dass der Kulturstaatsminister sich über die Entscheidung der von seiner Behörde eingesetzten Jury aus erwiesenen Branchenkennern hinwegsetzt, ist eine Einflussnahme, die Grundprinzipien des Preises konterkariert. Es könnte sogar als politische Einflussnahme wahrgenommen werden. (…) Gerade diese Buchhandlungen sorgen mit ihrem Angebot abseits des Mainstreams exemplarisch für die Sichtbarkeit von Vielfalt. Sie setzen sich mit ihrer Arbeit für die in einer Demokratie grundlegenden Prinzipien Meinungsfreiheit, Freiheit von Kunst und Literatur und für die Möglichkeit der Meinungsbildung ein und haben die Auszeichnung mehr als verdient.“ — Vorstand der Kurt Wolff Stiftung
„Warum werden die Vorschläge der vom BKM berufenen Jury einer Prüfung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz unterzogen? (…) Hält der Kulturstaatsminister das Bundesamt für Verfassungsschutz für kompetent, die Arbeit von Kultureinrichtungen zu bewerten? (…) Gilt das Grundprinzip der deutschen Kulturförderung – Es gibt keine Staatskultur, gefördert wird die Autonomie der Kultur – weiterhin?“ — PEN Berlin
„Keine politischen Eingriffe beim Deutschen Buchhandlungspreis! Der Verband deutscher Schriftsteller*innen kritisiert die Ausübung politischer Einflussnahme auf den Deutschen Buchhandlungspreis und die Entfernung dreier Buchhandlungen aus der von der unabhängigen Förderjury kuratierten Liste durch den Staatsminister für Kultur und Medien. Buchhandlungen bieten Literatur an. Zur Meinungsbildung in einer freien demokratisch organisierten Gesellschaft gehört auch die Auseinandersetzung mit Meinungen, die nicht dem eigenen Spektrum angehören.“ — VS in ver.di
PEN Deutschland sieht „nicht nur den Preis“ beschädigt, sondern „das Ansehen einer ganzen Branche – und das unserer politischen Entscheider“. Ausdrücklich heißt es: „Wehret den Anfängen – ansonsten werden wir im Handumdrehen amerikanische Zustände haben.“
„Die Kunst- und Meinungsfreiheit sind für die Arbeit der Buchhandlungen und unsere gesamte Gesellschaft von größter Bedeutung. Die Würdigung der kulturellen Leistung einer Buchhandlung von einer etwaigen politischen Ausrichtung ihres Sortiments abhängig zu machen, lehnen wir grundsätzlich ab.“ — Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins