Das Ende von Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit?
Leipziger Buchmesse 2026
Indie-Bühne (Halle 5, G200)
Mit Thomas Wagner und Thomas Franke
Moderation: Mario PscheraKehren die Imperien und Machtblöcke zurück? Braucht es neue Bündnisse für eine progressive Politik?
Das 20. Jahrhundert begann mit der Utopie vom Ende der Imperien: Revolutionen in Iran (1905), Mexico (1910), China (1911) und schließlich in Russland (1917). Monarchien zerfielen, in den Kolonien gärte es, Republiken gründeten sich. In Russland und den von ihm kolonisierten Gebieten sollte die radikalste demokratische Staatsform, die Räterepublik Rahmen einer künftigen freien Gesellschaft sein. Die Sowjetunion wurde zu einem Fixpunkt weltweiter progressiver und antikolonialer Bewegungen, Gegenpol zu den alten Mächten und dem neuen Hegemon USA. Doch schnell bekam das Bild erste Risse: Versuche der Selbstorganisation, bereits zugesagte Autonomien im einstigen zaristischen Vielvölkergefängnis und nicht zuletzt die Republik Georgien wurden zerschlagen, Genossenschaften liquidiert, Bauern gewaltsam kollektiviert, Arbeitslager zur Rohstoffgewinnung eingerichtet und industrielle Großprojekte mittels Zwangsarbeit durch Arbeitsarmeen realisiert. Mit der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes 1939, dem Einmarsch in Finnland, dem Baltikum, Ostpolen sowie Grenzkonflikten mit China und Japan offenbarte die KPdSU den alten imperialen Geist hinter der Fortschrittsfassade. Dennoch blieb die Inszenierung als antikoloniales Gegenprojekt lange wirksam, nicht zuletzt durch die Unterstützung nationaler Befreiungsbewegungen, solange sie sich nur antiamerikanisch positionierten. Im ersten Viertel des 21. Jh. erstarkten neoimperiale Bestrebungen etwa durch Russland und die Türkei, völkerrechtliche Bindungen werden etwa durch die USA ignoriert, rutschen progressive Bewegungen etwa in Lateinamerika in den Autoritarismus. Wo aber positionieren sich nun die Vertreter*innen von Gleichheit, Freiheit, Geschwisterlichkeit? Braucht es neue Allianzen gegen das Recht des Stärkeren und die Rückkehr des Nationalismus? Muss die Geschichtsbetrachtung als Begründungszusammenhang einer Revision unterzogen werden?